Fachartikel

28.04.2015

Herzlich willkommen, magischer Moment! Art of Hosting

Manchmal ist es einfach: Art of Hosting (AoH), eine Haltung, um Gruppengespräche von klein bis riesig zu moderieren, meint genau das: Die Kunst des Gastgebens. AoH-Praktizierende aus Upper Arlington, Columbus, Ohio definieren Hosting als „eine Reihe von emergenten Praktiken zur Moderation von Gruppengesprächen jeder Größe, deren Prinzipien sind: kollektive Intelligenz maximieren, unterschiedliche Ansichten willkommen heißen und hören, Partizipation und Höflichkeit maximieren und Konflikte in kreative Zusammenarbeit transformieren."

 

Unternehmensberater und Coach Thomas Jäger, der diese „Reihe emergenter Praktiken“ seit drei Jahren anwendet, sagt: „Art of Hosting ist die Kunst, ein guter Gastgeber zu sein. Es ist eine Art Bewegung und kommt aus dem Change Management. Für uns ist es ein Betriebssystem, also eine Haltung, wie man an Dinge heran geht. Letztendlich geht es darum, Gruppen zu ermöglichen, das Wissen, das sie haben, zu heben und ihre Arbeit erfüllt erledigen zu können.“

 

Es geht also um Selbstorganisation der Gruppen, darum, sie darin zu unterstützen, festzustellen: Wo stehen wir? Was machen wir? Was brauchen wir? Wie soll es weitergehen? Was gibt es Neues? „Die Basis sind Großgruppen-Methoden wie ‚World Cafe’, ‚Open Space’, ‚Appreciative Inquiry’ oder ‚Pro Action Cafe’“, so Jäger, „wir nutzen eine Reihe partizipativer und selbst organisierter Methoden, um eben genau diese Co-Kreation zu ermöglichen.“

 

Ganz taufrisch ist das nicht. Aber manchmal muss man scheibenförmige Gegenstände nicht neu erfinden, man muss Reifen und Speichen, Nabe und Achse vielleicht nur neu denken. Jäger sagt: „Neu erfunden wurde kaum etwas. Teilweise werden Sachen weiterentwickelt. Man nutzt das, was da ist. Art of Hosting bringt nur alles auf eine andere Art und Weise zusammen.“ Korrekterweise müsste man sagen: Wurden und werden. Denn alle diese Methoden leben davon, dass das Open Source-Prinzip konsequent gelebt wird: Nichts gehört einem Einzelnen, jeder kann am Wissen aller partizipieren und mithelfen, besser zu werden.

 

Für viele der genannten partizipativen Methoden gibt es Communities, keine festen Organisationen mit den üblichen Funktionären. In den Communities hat keiner die Weisheit gepachtet, kein Berufsideologe wacht über Dogmen und Wahrheiten. Jäger: „Die vielen Leuten, die Art of Hosting machen, arbeiten eng zusammen. Wir sind oft auch in der ‚World Cafe’ oder in der ‚Open Space Community’ und umgekehrt. Das ‚Pro Action Cafe’ zum Beispiel ist etwas, was in der Art of Hosting-Community innerhalb der EU-Kommission in Brüssel entwickelt wurde. Seit einigen Jahren wird ‚Art of Hosting’ in der Kommission genutzt, um andere Meetings zu machen, um zusammenzukommen und dabei anders miteinander umzugehen.“

 

„Pro Action Cafe“ ist eine Art kollegiale Beratung, bei der eine Fragestellung oder ein Projekt ganz kurz in der Gruppe vorgestellt wird. Solche Methoden werden ständig weiterentwickelt und eröffnen neue Dimensionen im gemeinsamen Lösen von Problemen und Fragestellungen. Es gibt verschiedene Tische mit Themen-Hosts, die dort jeweils mit vier, fünf Leuten gemeinsam arbeiten. Der Themen-Host erklärt das Thema und dann gibt es drei Runden mit jeweils einer Frage. Jäger sagt: „Die erste Frage lautet: Was ist die Frage hinter der Frage? Also nicht: Wo ist deine Frage? Hier ist die Antwort. Sondern erst mal hineinspüren und sagen: Was ist denn wirklich das Bedürfnis des Ganzen? Die zweite Frage lautet dann: Was braucht es noch? Was fehlt in dem, was man hat, und die dritte Frage schließlich: Was wäre der nächste elegante Schritt?“ Nach jeder Frage/Runde bleiben die Themen-Hosts an ihren Tischen und die Teilnehmer verteilen sich neu an die anderen Tische. „Dadurch passiert etwas, sozusagen auf dem Tisch, aber auch zwischen den Tischen. Es wird ein Raum geschaffen, in dem wirklich Austausch stattfindet“, sagt Jäger.

Doch die Gleichung „World Cafe“ oder „Open Space“ ist gleich „Art of Hosting“ geht nicht auf. „Das eine sind Methoden“, sagt Jäger, „‚Art of Hosting’ aber ist mehr eine Haltung, ein Betriebssystem, bei dem man aus Methoden auswählt.“ Dieses Betriebssystem wird in den vier Dimensionen des Hostings dargestellt. Daneben gibt es noch „Die acht Atemzüge des Prozessdesigns“; , ein Konzept, wie man an einen Prozess herangeht. Und das ist das grundlegend Neue.

 

Jäger erläutert die vier Dimensionen des Hostings: „Die erste Dimension ist das ‚Hosting Self’. Das heißt: ‚Kümmere dich um dich selbst’. Du musst, wenn du hosten willst, präsent sein. Du kannst nicht irgendwie in Gedanken oder mit Problemen beschäftigt sein, dann bist du nicht offen dafür zu hosten oder eine schwierige Situation in der Gruppe zu lösen. Wenn man mal die ganzen Regeln wegnimmt und die Leute einfach mal wirklich tun und sich selbst organisieren lässt, dann kommt es häufig zu Spannungen, zu Knirschzonen, zu den ‚Groan Zones’. Aber da muss man durch, damit das Neue entstehen kann. Du musst also präsent sein und fähig sein, den Raum und die Gruppe halten zu können.

 

Die zweite Dimension ist das ‚Being Hosted’. Das heißt, wenn du wo hingehst, wenn du wo bist, dann nimm auch teil. Setz dich nicht hin und lehn dich zurück, sondern bring dich ein und trag dazu bei, dass das Ganze gelingt.“

 

Die dritte Dimension ist das eigentliche Hosting. Hier kommen die verschiedenen erwähnten Methoden zum Einsatz. Die vierte und letzte Dimension ist die der Community. „Give back“ lautet der Auftrag: „Alles, was du machst oder was du Neues findest, gibst du auch wieder der Community zurück“, so Jäger, „Art of Hosting ist ein ‚Open Source’. Jeder hat freien Zugriff darauf, kann es nutzen, es gibt Handbücher, die du downloaden kannst, du kannst es einfach nutzen und mit dem was du gibst, dazu beitragen, dass sich diese Community weiterentwickelt.“

 

Zum kleinen Einmaleins des Art of Hostings gehören außerdem die so genannten acht Atemzüge, eigentlich Fragen zu Sinn und Zweck des Ganzen.
Erste Frage: Wer ist der „Caller“, wer genau ist derjenige, der sagt, "Ich möchte, dass etwas passiert"? Keine ganz einfach Frage, so Jäger: „Das ist häufig ganz schwierig rauszufinden, weil meist nicht klar ist, wer den Impuls hatte und manchmal diese Person gar nicht am Tisch sitzt. Manchmal sitzt da nur ein Vertreter, der den Auftrag hat, etwas umzusetzen. Wenn man dann aber auf die nächste Frage kommt, braucht es den Caller“. Nicht weniger kniffelig: Was ist der „Purpose“, was soll am Ende herauskommen? Jäger sagt: „Brauchen wir ein Papier für das Management oder wollen wir die Community, die Gruppe weiter zusammenbringen? Wollen wir einen Wandel generieren, wollen wir die Motivation heben? Das sind mögliche Fragen und je nachdem, was da als ‚Purpose’ genannt wird, musst du anders an die Dinge rangehen.“ Der dritte Atemzug gilt der Einladung: Wer sind die entscheidenden Stakeholder? Mit welcher Frage lädt man sie ein? Im vierten Atemzug, beim eigentlichen Treffen, stellt man sich der Frage: Wie kann dieser Termin ein fruchtbarer werden? Wie können die Hosts zum „Container“ für alle Fragen, Wünschen, Ideen werden? Wie können alle gemeinsam dem Treffen Sinn geben? Der fünfte Atemzug widmet sich dem Ernten, dem Ergebnis, der „Art of Harvesting“. Jäger sagt: „Das steht wie in einer Yin-Yang-Beziehung zum Hosten.“ Die Fragen, die an dieser Stelle zu klären sind, drehen sich um zu erkennende Muster und ihren Einfluss auf geplante Aktivitäten. Was ist nötig, diese Aktivitäten auch nachhaltig durchzuführen? Beim sechsten Atemzug geht es darum, das Erarbeitete umzusetzen und durchzuführen. Beim siebten wiederum geht es um Lernen und Reflektieren – der Atemzug, beim dem vielleicht schon wieder neue Fragen auftauchen, die es zu bearbeiten lohnt. Last but not least widmet sich der letzte Atemzug dem großen Ganzen. Auch wenn einzelne Schritte beschrieben sind, so heißt dies nicht unbedingt, dass alles hintereinander weg passiert. Es handelt sich weniger um einen linearen Verlauf als um einen zyklischen. Geerntet werden könnte auch nach jedem Atemzug, oftmals ergibt sich die Notwendigkeit eines Atemzugs aus dem Prozess.

 

Art of Hosting ist simpel, aber effektiv und wirkungsvoll und baut auf die Kraft des Einzelnen als Teil einer Gruppe, nutzt das Wissen aller. Wer also als Vorgesetzter eine einzelne – nämlich seine eigene – Meinung unters Mitarbeitervolk bringen möchte und gar nicht daran interessiert ist, den Einzelnen im Sinne eines Empowerments zu ermächtigen, sollte sich erst gar nicht als Gastgeber versuchen – er macht damit dann eher mehr kaputt als dass es unterstützt. Aber auch wenn es in der Organisation oder Gruppe zu wenig Struktur gibt, ist Art of Hosting nicht zu empfehlen. Jäger sagt: „Wenn es keine Gruppe ist, sondern nur ein sehr loser Verbund, führt das meistens ins Chaos. Also noch mehr Chaos! Die Leute gehen dann frustriert raus.“

 

Dabei ist ein bestimmtes Maß an Chaos durchaus hilfreich. Art of Hosting hilft dabei, Räume zu schaffen, in denen Emergenz ermöglicht wird. „Das nennt sich der ‚Chaordic Path’“, erklärt Jäger, „in diesem Zwischenraum zwischen Ordnung – Struktur und Regeln – und Chaos – jeder macht, was er will – entstehen spontan neue Eigenschaften oder Strukturen des Systems ‚Gruppe’. Wir versuchen, die Leute genau in diesem Zwischenraum zu halten, in dem so viel Ordnung wie nötig, aber so viel Chaos wie möglich ist, sodass auf einmal etwas Neues, Innovatives entstehen kann. Dazu braucht es aber auch Vertrauen in der Gruppe und einen geschützten Raum. Genau dazu dient Art of Hosting: Diese Räume zu schaffen, damit Emergenz entstehen kann.“

 

Gerade im Management braucht es Bereitschaft, sich auf die entstehenden Prozesse und dieses entscheidende Quäntchen Chaos einzulassen, um Art of Hosting durchzuführen. Dies bedeutet auch, möglicherweise durch ein Tal des Durcheinanders zu marschieren, um den Berg erklimmen zu können. „Es kann eben sein, dass es erst einmal chaotisch wird, dass es in keine Richtung zu gehen scheint, dass auf einmal ganz andere Dinge als geplant hochkommen. Wenn du dann als Manager oder als Führungskraft einfach abbrichst, dann ist die Frustration riesengroß und der ganze Prozess bringt gar nichts. Du musst ergebnisoffen sein. Du musst einen Schritt wagen in Richtung Agilität, gemeinsames Vertrauen, Selbstorganisation und nicht zu viel Reglementierung.“

 

Wer also wirkliche Transformation und Veränderung sucht, für den ist Art of Hosting ein guter Weg. Dahinter steht die Überzeugung, dass es eine intrinsische Motivation gibt, die jedem Menschen eigen ist. „Per se will jeder Mensch etwas tun, etwas beitragen“, so Jäger, „und du musst dies nur ermöglichen. Es hilft den Leuten, wenn sie auf eine andere Art und Weise erleben, wie man auch arbeiten kann, wie man auch Meetings machen kann. Es verändert viel, wenn das Management die Bereitschaft zeigt: ‚Wir vertrauen euch, wir wissen, dass ihr was Gutes macht.’ Das ist eine Möglichkeit, Veränderungen ins Unternehmen zu bringen oder eben auch das Wissen, was bei den Leuten ist, zu heben.“ Schwarm-Intelligenz, oft beschworen und im Rahmen von Crowdfunding oder –sourcing schon Alltag in Sozialen Netzwerken, kann eben auch ganz konkret den Arbeitsalltag verbessern und Unternehmen verändern. Doch Art of Hosting geht einen entscheidenden Schritt weiter: „Wir suchen das ‚Presensing’, eine Art Vergegenwärtigung“, so Jäger, „das ist ein neuer Begriff von Otto Scharmer geprägt, der aus ‚Presence’ und ‚Sensing’, entsteht. ‚Presensing’ ist dieser Moment, in dem alles gesagt ist, alle sind angeregt und dann kommt dieser Moment der Stille, wo du eigentlich nicht mehr redest und nicht mehr argumentierst, sondern einfach nur spürst und wahrnimmst. Dort kann etwas Neues entstehen. Das ist „Von der Zukunft her denken.“ Das ist der magische Moment, wo sich Innovation zeigen will – und genau das ist eigentlich etwas, was wir in Art of Hosting versuchen.“

 

 

Vom 1. – 3. Mai findet in München ein Art of Hosting-Training statt.
Weitere Infos: http://artofhosting-muenchen.org/art-of-hosting-training

(c) Fotos: Thomas Jäger