Interviews

25.09.2014

Nach dem Black Sea Circle: Interview mit Markus Kotzur

„Ich habe zu keinem Zeitpunkt bereut, teilgenommen zu haben“

Markus Kotzur hat beim Black Sea Circle innerhalb von 16 Tagen 7.300 Kilometer zurückgelegt und dabei 13 Länder besucht: Deutschland, Tschechische Republik, Österreich, von dort ging es nach Slowenien, Ungarn, Serbien, von Serbien nach Bosnien-Herzegowina, von dort nach Montenegro, Albanien, Mazedonien, Griechenland, dann mit der Fähre rüber auf die der Türkei vorgelagerte Insel Chios und von dort über Cesme in die Türkei, weiter nach Georgien und wieder zurück in die Türkei. Die Reise endete in Istanbul. Supper und Supper haben die Teilnahme von Markus Kotzur gesponsert.

 

Wie war es?

Super! Richtig klasse! Es war jetzt kein Erholungsurlaub, das muss man ganz klar sagen. Es war sehr anstrengend und intensiv, aber die Erfahrungen, die man sammelt und die Erlebnisse, die sind einfach unglaublich. Ich habe zu keinem Zeitpunkt bereut, teilgenommen zu haben.

Könntest du das zusammenfassen: Wie ist das durch so viele Länder zu fahren, so viele Menschen zu treffen und Kulturen kennenzulernen?

Mich hat besonders beeindruckt, wie gastfreundlich wir aufgenommen wurden. Es gibt ja Länder, in denen Vorbehalte bestehen, oder wo man es so empfindet – ganz klassisch Griechenland, wo wir an einer Raststätte erstmal mit Angela Merkel und der deutsche Wirtschafts- und Finanzpolitik konfrontiert wurden. Das war eigentlich die Begrüßung und wir sagten, dass wir ja nun nicht Angela Merkel seien, sondern Touristen. Und man ist dann ins Gespräch gekommen, nachdem wir unsere Reiseabsichten dargelegt hatten und was die Hintergründe sind, dass wir Spenden sammeln – und dann hat sich das in einen so netten Abend gewandelt, bei dem das Thema Merkel und Finanzpolitik gar keine Rolle mehr spielten. Das fand auf der persönlichen Ebene statt und ging so weit, dass wir vor dieser „Truck Stop-Taverne“ auf der Holzterrasse unser Nachtlager aufschlagen durften. Wir wurden dann mit Getränken und griechischen Speisen versorgt. Es war unglaublich, wie sich das gewandelt hatte und wie begeistert die Leute waren, nachdem wir ihnen erzählt hatten, was wir machten.

 

Was hat dich noch beeindruckt?

Eine andere Sache, die mich wirklich begeisterte, war der Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Teams. Das vordere rechte Achsschenkelgelenk des Wagens von Team Baribal, ein alter Chevy G20-Van, brach in Serbien. Zum Glück waren wir auf freier Strecke, so dass sie zum Stehen gekommen sind. Aber für so etwas gibt es kein Ersatzteil. Man muss Glück haben. In Berlin hättest Du noch eine Chance, da gibt es ein paar alte Chevys und ein paar Bastler, um so ein Teil zu bekommen. Sie haben eine Werkstatt gefunden, die dieses Teil per Hand nachgebaut hat, d.h. sie haben jetzt kein Chevy-Originalteil drin, sondern ein manuell angefertigtes Ersatzteil an dieser Achse und sind damit noch sage und schreibe weitere 6000 Kilometer gefahren. Ein anderer Punkt, der mich wieder beeindruckt hat: Wir hatten ja Kühlerprobleme und das Standardprozedere in Deutschland wäre gewesen: Kühler raus, neuen Kühler einbauen, Sache wäre fertig gewesen, verbunden mit hohen Kosten für das Ersatzteil, aber geringen Kosten für den Austausch und so weiter. Was macht man in der Türkei: Die haben den Kühler ausgebaut, die kaputte Plastikeinlassung darunter abmontiert und aus Aluminium nachgebaut. Wenn man diese Bilder ansieht, ist das unglaublich. Man steht da als Deutscher und fragt sich, was tun die da? Die haben den Kühler mit neuen Teilen versehen, die Anschlüsse selbst gebaut, um daran die Schläuche wieder anzuschließen. Das hat dann am Ende nicht gehalten, wir mussten es in Georgien nachreparieren, aber alleine so eine Reparaturaktion wäre in Deutschland undenkbar, und es funktioniert trotzdem. Es geht immer weiter. Da steht man dann da und denkt: ‚Gut, das war es dann jetzt. Jetzt ist gleich Abbruch oder wir müssen aufgeben.’ Aber es geht mit Hilfe der einheimischen Leute immer weiter.

 

Ist das nicht typisch deutsch?

Vielleicht ist das typisch deutsch – wenn es nicht auf regulärem Wege weitergeht, weil es kein Ersatzteil oder keinen Prozess dazu gibt, dann ist das Projekt zu Ende. Das ist dort nicht so, es geht immer weiter. Man findet Mittel und Wege, um weiter zu kommen. Ich hab auch gedacht: ‚Der Kühler kaputt, das war es jetzt für uns – wenn man da jetzt versucht zu reparieren, dann war es das jetzt, schade, dann haben wir noch ein paar schöne Tage am Strand irgendwo am Schwarzen Meer, aber das war’s.’ Nein, es geht immer weiter! Das hat mich auch sehr stark beeindruckt und mich über meine eigene Einstellung und Sicht der Dinge zu so verschiedenen Sachen nachdenken lassen.

Welche Erfahrungen hast du mit der Gastfreundschaft gemacht?

In der Türkei waren die Menschen ganz extrem gastfreundlich, in Georgien ganz unterschiedlich, in welcher Region man unterwegs ist. Tiflis und der Osten sind anders als der Westen und die autonome Republik Adscharien im Südwesten, die eher russisch geprägt sind, eher etwas kühler und mit Distanz, aber man hat uns immer geholfen. Es war immer der Wunsch da, uns zu helfen, dass wir weiterkommen und wir unsere Ziele erreichen. Und irgendwie ging es immer weiter, sodass wir am Ende rechtzeitig in Istanbul angekommen sind.

 

Wie unsere befreundeten Teams, die mit der Achsengeschichte: Für die war die Rallye nach drei Tagen eigentlich zu Ende und trotzdem sind auch sie in Istanbul eingetroffen, nachdem sie uns, nach der Reparatur, in einer kompletten Nachtdurchfahrt in Griechenland wieder eingeholt hatten. Es geht irgendwie. Wir haben unsere Fähren bekommen und waren rechtzeitig in der Türkei, haben auch dort allen Widrigkeiten getrotzt und sind durchgekommen.

 

Hattet ihr bei all diesen technischen Problemen Zeit, Land, Leute und Kulturen kennenzulernen?

Ich glaube, dass wir durch die Probleme und durch die danach folgende Interaktionen sehr viel kennengelernt haben, vielleicht sogar noch mehr, als wenn es keine Probleme gegeben hätte. Oder wenn man sich verfahren hatte: Häufig gab es ja gar keine andere Chance, als Einheimische zu fragen. Irgendwann hört das mit dem Englischen auch auf, zum Beispiel im Süden und Osten von Anatolien hat man damit gar keine Chance, dort geht das nur mit Händen und Füßen. Da spricht dann einer ein paar Wörter Deutsch und den Rest sucht man sich mit einer App im Smartphone zusammen und versucht sich zu verständigen. Ich fand es aber trotzdem schade, nicht länger an bestimmten Orten verbracht zu haben. Allein Kappadokien zum Beispiel in Südanatolien – traumhaft! Für mich steht fest, dass ich diese Gegend noch einmal bereisen werde, um die Dinge, die ich jetzt nur im Vorbeifahren bewundern konnte, noch einmal zu erleben. Also Interaktion mit den Menschen vor Ort, ja, aber ich hätte mir einfach für mich mehr Zeit gewünscht. Wenn man sechs Stunden am Auto bastelt, dann fehlt einem diese Zeit, um das Land weiter zu erkunden, denn die restliche Zeit verbringt man dann damit die Etappe zu schaffen und an den nächsten Zielort zu gelangen.

 

Einen Kulturschock hattet ihr demzufolge nicht?

Wir sind ja auch über den Balkan gefahren und ich habe das dort als sehr europäisch erlebt. Wen wundert das auch, wo Griechenland doch ein Stück weit die Wiege Europas ist. Und auch, dass die Türkei im Norden und Westen europäisch geprägt ist, hat mich nicht überrascht, rein durch die geographische Nähe zu Griechenland und Europa. Aber Anatolien habe ich mir anders vorgestellt. Dort ist es natürlich viel dörflicher, ländlicher und landwirtschaftlicher, aber die Menschen sind sehr herzlich und offen. Man merkt den Unterschied, selbst als Deutscher konnte ich die Unterschiede in den einzelnen Regionen der Türkei feststellen. Ein befreundetes Team von uns ist noch weiter nach Kurdistan bis an die iranische Grenze gefahren und da ist es noch anders. Die hatten dort teilweise ein flaues Gefühl in der Magengegend. In der Nähe eines Flüchtlingslagers haben die ein Waffengeschäft gesehen, das wirkt dann noch mal anders. In diese Regionen konnten wir aber aufgrund unserer technischen Probleme nicht vordringen.

 

Ein weiteres befreundetes Team ist wiederum durch den Iran bis nach Bergkarabach gefahren, dann über Armenien nach Georgien, was über die Türkei nicht möglich ist, weil die Grenze zwischen Armenien und der Türkei geschlossen ist. Die haben noch andere Eindrücke gesammelt, aber auch dort waren die Menschen sehr freundlich. Die haben dann in Iran, wo es ja auch Facebook und alles gibt, bei einem Studenten in dessen Wohnzimmer übernachtet. Also weniger Kulturschock als vielmehr positive Überraschung über die Offenheit, die vorherrschte.

 

Aber selbst in Georgien, wo wir Gespräche hatten, zu welcher Kultur man sich denn eher zugehörig fühlt, der europäischen, der russischen oder zu sich selbst, waren die Haltungen sehr durchmischt. Auf der einen Seite der Stolz darüber, eine eigene Republik zu haben, einen eigenen Staat, aber durch die Geschichte sowohl eine Nähe zu Europa als auch zu Russland zu spüren, also eine sehr zwiespältige Situation.

 

Auch sehr spannend bei der Reise durch die Balkanländer fand ich, dass zum Beispiel Mazedonien auch kyrillische Schriftzeichen verwendet, trotz der unmittelbaren Nähe zu Griechenland, während man in Georgien wieder ganz andere Schriftzeichen verwendet, die aussehen wie – so sagte ein Mitglied eines anderen Teams mal humorvoll - das Elbische aus dem Herrn der Ringe.

 

Tag 2: Aus Knochen gemacht – Kirche in Kutna Hora (CZ)

Tag 2: Kutna Hora (CZ)

Tag 2: Willkommen in Österreich

Tag 2: An der Grenze zu Slowenien

Tag 2: Orientierung kurz vor Ungarn

Tag 2: An der Grenze zu Ungarn

Markus und seine "Learnings"

 

Nach 16 Tagen auf dem Black Sea Circle hat Markus Kotzur nicht nur einiges über Autos gelernt...

 

Was nimmst du noch mit aus dieser Reise in deine Arbeit als Berater?

Was ich noch mitnehme von dieser Reise ist, dass es natürlich unerlässlich ist einen Plan zu haben, was die Route angeht oder ein Roadbook wie wir es hatten, aber es gibt so viele Unwägbarkeiten, was passiert, was passieren kann. Wir hatten mit technischen Problemen zu kämpfen, im Projekt hat man mit anderen Dingen zu kämpfen, und man kann halt nicht alles planen. Man muss auch flexibel planen. Man braucht wohl einige Ziele oder Meilensteine. Manchmal muss man Alternativen suchen. Das heißt nicht, dass man das gesamte Team aus den Augen verliert und aufgibt, aber es ist unheimlich wichtig, flexibel zu agieren, und mir hat geholfen – und die Erfahrung hat sich fast tagtäglich bestätigt –, dass man es schafft, wenn man daran glaubt, dass man ankommt und dass man es schaffen kann. Dann schafft man es auch, trotz der Widrigkeiten, aber man schafft es nicht mit seinem vielleicht doch etwas starren, vorgefertigten Plan.

Tag 11: Kühlerreparatur in Erzurum

Tag 11: Kühlerreparatur in Erzurum

Tag 11: Kühlerreparatur in Erzurum

Tag 11: Kühlerreparatur in Erzurum

 

Kannst du das auf die Berater-Arbeit übertragen?

Das gibt ja auch in den Change-Projekten oder Transformationen. Man hat einen Plan, ein Endziel, aber in wieweit macht es wirklich immer Sinn, daran festzuhalten und in wieweit muss man nicht auch selbst gesteckte Ziele aufgeben. Nicht im Sinne von: ‚Die sind gar nicht zu erreichen!’ Aber diese Ziele zu verändern – das war für mich eine sehr wichtige Erkenntnis. Es geht nicht immer, wie man es sich gedacht hat oder wie man das vielleicht am Vorabend geplant hat. Denn am nächsten Tag ist plötzlich alles anders. Es passiert etwas, und das, was da passiert, bedingt, dass man Dinge verändert, um ein Etappenziel anderweitig zu erreichen, oder das Etappenziel verändert.

 

Wenn ich das jetzt auf Projekte übertrage, habe ich bisher immer sehr starr an den Meilensteinen festgehalten ohne stärker auf das Umfeld einzugehen. Vielleicht kann ich das Ziel nicht erreichen oder muss es anders erreichen, aber da muss ich die anderen Mitspieler mehr berücksichtigen. Vielleicht könnte ich es erreichen, mit meinem Auto in diesem Fall, aber das andere Team schafft es nicht. Also muss ich einen Alternativplan erarbeiten. Das hört sich jetzt so banal an, aber wenn man denn davor steht, auf die Landkarte guckt und es wird in zwei Stunden dunkel und man schafft es zeitlich nicht – das ist ja in Projekten auch häufig so, man schafft es nicht bis zum vereinbarten Datum, wie gehe ich dann damit um? Bin ich dann enttäuscht, frustriert oder werde ich sogar ärgerlich und beschuldige andere, weil die Situation so ist wie sie ist? Was mache ich jetzt damit, was machen wir denn stattdessen? Wie gehen wir morgen weiter vor?

Tag 12: Ersatzteilsuche in Tiflis

Tag 12: Ersatzteilsuche in Tiflis

Tag 12: Ersatzteilsuche in Tiflis

 

Mal abgesehen von den Ländergrenzen, welche Grenzen hast Du noch überschritten oder erweitert?

Was passiert, wenn Menschen mich nicht verstehen, wenn ich mich nicht verständigen kann? Der spricht kein Deutsch oder Englisch, ich spreche seine Sprache nicht, wie verständige ich mich dann? Das ist so ein Sicherheitsbedürfnis. Es war für mich wichtig zu erkennen, dass es auch irgendwie ohne die Sprache geht. Mit Händen und Füßen, mit Gesten, mit auf etwas zeigen, versuchen zu erklären geht es. Sicherlich nicht so einfach wie mit Hilfe der Sprache, aber es geht. Das hat mich noch mal so ein Stück sicherer gemacht. Ich muss mir nicht so viele Sorgen machen, ich kann da ein Stück über mich hinauswachsen. Also auch nicht immer die Sicherheit der ganz klaren Kommunikation zu haben, das war für mich auch eine wichtige Erkenntnis.

 

Und bei den technischen Dingen?

Persönlich hat man nur ein beschränktes Wissen, zum Beispiel von Autos und Technik: Auch das kann man lernen. Ich kann nicht wirklich die Teile ausbauen, aber ich weiß jetzt, wo sich diese Teile unter der Motorhaube befinden. Man kann also lernen, seine methodischen Kompetenzen und Grenzen auszubauen. Auch das ist möglich, bei Dingen, von denen man eigentlich keine Ahnung hat, und das kann man lernen. Das war für mich jetzt auch noch mal ein Anstoß, mich auch einmal generell mehr mit KFZ-Mechanik zu beschäftigen, weil das wird sicherlich nicht die letzte Rallye dieser Art gewesen sein wird. Um dann auch in Gebiete vorstoßen zu können, die einem vorher völlig fremd waren. Auch das kann man, auch das schafft man! Man muss sich damit halt beschäftigen, darauf einlassen und den Leuten vertrauen, die einem Ratschläge geben und in solchen Situationen helfen.

 

Da bin ich wahrscheinlich auch sehr deutsch, das ist so ein Sicherheitsdenken, ‚Das kann doch hier nicht funktionieren, wir müssen den Reparaturprozess von Mercedes-Benz befolgen und die sagen nun mal, da muss ein neues Teil eingebaut werden’. Nein, das geht auch anders! Das zu akzeptieren und sich darauf einzulassen, das habe ich mir vorgenommen, häufiger zu tun, sowohl privat als auch im geschäftlichen Umfeld. Auch der anderen Seite, den Geschäftspartnern oder den Geschäftsbeteiligten, das Vertrauen entgegen zu bringen, das man sich ein Stück weit darauf verlässt und nicht immer selber seine eingetretenen Pfade weiter beschreitet will.

 

Du hast eben dieses Beispiel von den verschiedenen Autos erwähnt, die gemeinsam das Ziel erreichen, dass Du das in Zukunft als Bild benutzen möchtest. Gibt es da noch andere Erlebnisse oder Dinge aus der Rallye, die Du methodisch oder didaktisch in Deiner Arbeit verwenden wirst?

Was mich sehr beeindruckt hat: Wie die einzelnen Werkstätten und Mechaniker mit den technischen Problemen umgegangen sind. Jeder hatte natürlich sein eigenes Verfahren und hat etwas versucht, zum Teil auch unkonventionelle Lösungen. In Tiflis waren wir wirklich verzweifelt, weil dort gibt es – man kann sich das gar nicht vorstellen – so eine Art Schrottbezirke, wo nichts anderes als Autos, Autoteile, Ersatzteile, Neuteile gehandelt werden. Wir konnten keinen Kühler finden, also mussten wir uns auf diesen Mechaniker verlassen und ich war erstaunt. Denn als er den Kühler ausgebaut hatte, hätte ich erwartet, dass er über die Arbeit, die in der Türkei geleistet wurde, schimpft. Denn ganz offensichtlich hatte die Reparatur nur 500 oder 800 Kilometer gehalten und war aus meiner Sicht fragwürdig, aber was hat dieser sehr ernsthafte, junge Mann gemacht? Er hat den Kühler so genommen, wie er war und hat mit ihm weitergearbeitet. Das ist eine sehr untypische Vorgehensweise, wenn ich das mit dem Vorgehen in Unternehmen und Konzernen vergleiche. Dort wird dann erstmal darüber gesprochen, wer hat die Schuld, warum ist das so, was hätte man anders machen müssen, was muss in Zukunft anders werden. Seine Haltung: ‚Die Sache ist jetzt so wie sie ist, ich weiß nicht ob das gut oder schlecht gemacht ist. Aber das spielt auch gar keine Rolle, denn ihr habt jetzt das Problem und das lösen wir jetzt gemeinsam.’ Eine völlig andere Herangehensweise als die, zu der man häufig neigt. Der hat einfach nur sehr ernsthaft und ruhig diesen Kühler repariert. Mit Zwei-Komponenten-Materialien und was weiß ich, ich habe so etwas vorher noch nie gesehen. Dann habe ich ihn gefragt, als wir fertig waren, ob es jetzt nicht eine Kontrolle gebe, ob man den Kühler noch mal, wie in der Türkei, unter Wasser hält und mit Druckluft füllt, um zu gucken, ob er dicht sei. Aber dieser junge Mechaniker war sehr von sich überzeugt und meinte, er habe das nun repariert und das funktioniert jetzt und er muss nichts mehr überprüfen.

 

Aber diese Haltung, wie man dort mit den gegebenen Umständen umgeht und was man daraus macht – das ist beeindruckend. Der hat das repariert und was soll ich sagen: Der Kühler hat gehalten. Das war für mich ein Aha-Erlebnis. Ich hatte erwartet, dass der jetzt erstmal über die Arbeiten, die vorher daran gemacht wurden, schimpft. Hat er überhaupt nicht gemacht, sondern er hat gesagt: ‚Ihr findet hier keinen Kühler, das ist das was wir jetzt hier haben, und wenn ihr diesen Kühler hier nicht repariert bekommt, kommt ihr nicht weiter.’

 

Klingt banal...

Dieser Umgang mit dieser Situation hört sich erst einmal so banal an. Aber er hatte ja Recht. Häufig gibt es ja so Situationen, die sind wie sie sind. Da kann ich nicht sagen, hätte ich das mal vorher anders gemacht, denn die Möglichkeit habe ich ja nicht. Ich kann nicht in der Zeit zurückgehen und dann Dinge verändern. Es ist nun mal wie es ist und die entscheidende Frage ist: Was mache ich daraus, wie gehe ich damit um.

 

Eigentlich banal und man hört das ja immer in irgendwelchen Seminaren, aber es ist etwas anderes, wenn man das mal auf diese Art erlebt. Das war dann so plastisch für mich und so greifbar. Auch weil ich diesen Kühler anfassen kann und geholfen habe, ihn mit einzubauen. Das verändert das noch einmal. Da habe ich dann bei der Weiterfahrt lange drüber nachgedacht.

 

Sehr pragmatisch ...

Ich reflektiere natürlich auch jetzt noch darüber, aber das hat mich beeindruckt. Generell, auch die Menschen dort, gehen so damit um. Vielleicht war dieser Auto- und Schrottplatz, dieser Autobezirk innerhalb Tiflis’ ein gutes Erlebnis, weil ich glaube, da wird man noch mal auf eine ganz andere Weise damit konfrontiert. Das ist auch auf andere Bereiche übertragbar. Hier in Deutschland werden Teile ausgetauscht, weggeschmissen und es wird neu bestellt. Das ist dann mehr oder weniger teuer, aber die Arbeitszeit, die dort sehr wenig kostet, ist hier in Deutschland halt sehr teuer. Dort hat man die Zeit, auch mal fünf oder sechs Stunden an etwas zu arbeiten. Dort wird ressourcenschonender damit umgegangen. Die Ressource Zeit spielt eine andere Rolle als die Ressource Material, die einfach wesentlich rarer dort ist. Wenn man das jetzt auch mal wieder überträgt, ist es eine interessante, ganz andere Perspektive als die, die wir hier bei uns gewöhnt sind.

 

Wenn Du nun von den Ressourcen Arbeitszeit und Material sprichst, kommen da auch ein anderes Menschenbild oder andere Werte zum Ausdruck?

Ich denke schon. Der Mensch in den Ländern, die wir bereist haben, hat eine andere Wertigkeit. Ich kann nicht sagen, der Mensch oder die Menschlichkeit zählt dort mehr, sondern es ist anders. Werte, die uns im Geschäftlichen wichtig sind, wie die Pünktlichkeit – eine klassische deutsche Tugend – spielen dort eine geringere Rolle. Wenn man einen Termin um 10 Uhr hat, heißt das nicht, dass es um 10 Uhr losgeht in der Werkstatt. Das kann dann auch um 10:30 Uhr losgehen, aber wenn an einer Sache gearbeitet wird, dann wird das mit sehr viel Leidenschaft betrieben. Anderen Kunden, die gekommen sind, wurde gesagt: ‚Nein, das geht jetzt hier nicht weiter, ich habe jetzt was zu tun, ihr könnt frühestens um 14:00 wiederkommen, und dann gucken wir mal, wie weit ich hier bin.’ Es ist mehr die Beziehung, die persönliche Ebene als die Sachebene. ‚Auto’ ist das Thema, natürlich muss da was passieren, aber kenne ich die richtigen Leute, habe ich Leute, die mir die Leute empfehlen, die mir helfen können?

 

Natürlich wird auch dort die Arbeit entlohnt, aber es wird nicht zuerst diskutiert: ‚Wie viel kostet das?’, sondern: ‚Was ist zu tun? Was ist der Auftrag? Was ist die Vorstellung, was kann ich tun als Auftragnehmer?’ und dann erst kommt irgendwann diese Klärung, was das kosten könnte. Und da wird dann nicht, wie ich das aus Werkstätten in Deutschland kenne, angerufen und mitgeteilt, dass es vier Stunden länger dauert und entsprechend mehr kostet. Der Preis bleibt stehen. Ich kann natürlich trotzdem mehr geben, anstelle der 70 Lari, was etwa 30 Euro entspricht, auch 100 Lari, weil es doch länger gedauert hat. Das wäre in Deutschland undenkbar. Da habe ich einen Kostenvoranschlag und dann bekomme ich einen Anruf aus der Werkstatt, dass es vier Stunden länger dauert und das kostet dann mal eben 350 Euro mehr.

 

Um noch mal auf das Menschenbild zurückzukommen: ich glaube, ja, das ist anders, und auch der Umgang des Menschen mit der Arbeit ist ein anderer. Ich glaube, dass der Mensch dort wichtiger ist als die Arbeit, was ich für uns hier, aus meiner Erfahrung heraus, eher nicht behaupten kann. Ich habe das in vielen Projekten anders kennengelernt.

 

Welche Orte willst du noch einmal besuchen?

Für mich steht fest, dass ich Georgien noch einmal besuchen werde. Die Menschen, die ich dort kennengelernt habe, die Kontakte, die ich geknüpft habe. Also ich werde mir sowohl Tiflis als auch Bordschomi, das ist ein Kurort, und auch Batumi definitiv nochmal anschauen. Mich hat das sowohl landschaftlich als von den Menschen her sehr beeindruckt und ich habe einfach, für mein Gefühl, dort zu wenig Zeit verbracht. Das gleiche gilt für – ich habe es glaube schon gesagt – Kappadokien, aber auch für Montenegro zum Beispiel. Das sind landschaftlich atemberaubende Länder und dafür war doch zu wenig Zeit.

 

Nächstes Jahr wieder Black Sea Circle oder etwas anderes?

Also Black Sea Circle, da ist noch so ein gewisser Ehrgeiz dabei, weil ich nicht alle Stationen geschafft habe, die ich gerne gesehen hätte...

 

... auf welchem Platz seid ihr eigentlich gelandet?

Wir sind außerhalb der Wertung, weil wir unser Roadbook nicht abgegeben haben, weil wir am Ende doch zu wenige Aufgaben erfüllt hatten. Deshalb haben wir uns gemeinsam mit einigen anderen Teams entschlossen, es nicht abzugeben. Ein befreundetes Team von uns hat allerdings einen Sonderpreis für Fairness und die meisten Reparaturen gewonnen. Sie haben dann wiederum den Preis nicht nur sich selbst, sondern auch uns und dem Team Baribal gewidmet, weil wir zu dritt sehr eng zusammen gearbeitet haben und ich glaube keines der drei Teams wäre ohne die anderen weitergekommen. Da war immer Unterstützung da und Hilfe, sodass wir jetzt, wenn man so sagen will, im erweiterten Sinne diesen Sonderpreis gewonnen haben, aber leider nicht in der offiziellen Punktewertung sind.

 

Was ist für dich die Quintessenz der Reise?

Es war eine sehr intensive Zeit. Nicht erholsam, aber ein schöner Urlaub, ereignisreiche 16 Tage, die ich nicht missen will, teilweise aber auch belastend, aufgrund der Umfeldbedingungen, die ich gerade geschildert habe. Aber ich würde es wirklichem Jedem empfehlen, der die Gelegenheit. Man lernt einfach mit so vielen Dingen umzugehen, und wird mit so vielen Situationen konfrontiert, denen man im Alltag nicht begegnet. Hier in Deutschland bringt man sein Auto in die Werkstatt und holt es idealerweise ein oder zwei Tage später wieder ab. Aber wenn man dort zwischen zwei Orten, irgendwo in der Wüste, stehen bleibt, ist das was ganz anderes. Man lernt trotzdem damit umzugehen und für mich ist die Quintessenz: Es geht immer weiter. Und wenn man es schafft, dies auf sein Leben zu übertragen, egal was da passiert, es geht immer weiter, dann ist viel gewonnen. Aber man schafft es nicht alleine. Wenn man sich diese Hilfe holt, sich auch darauf einlässt und die Hilfe auch annimmt, dann kommt man ans Ziel. Das haben einige Teams nicht gemacht und sie sind dann auch nicht weitergekommen. Weil sie nicht mit den Einheimischen gesprochen, nicht auf Ratschläge gehört haben, sich nicht von anderen Teams haben helfen lassen. Für mich habe ich mir vorgenommen, künftig um Hilfe zu fragen. Nicht immer nur versuchen, alles alleine zu schaffen. Das geht bis zu einem gewissen Grad, aber andere Personen um Hilfe zu bitten und die Hilfe auch anzunehmen und sich darauf einzulassen, dies Vertrauen zu haben – das ist in jedem Fall ein Gewinn. Dies wäre meine Quintessenz.